14 August 2011

übervorsichtig

Der Situation wegen, kam mir eine Post-Idee.
Julietta ist gerade mit Marc unten auf dem Hinterhof mit den Nachbarskindern am spielen.
Was du lässt deinen 12 Jährigen Bruder mit deiner 2 Jährigen Tochter alleine auf den Hof?
Ja, tu ich!
Als ich in Marcs alter war, war er noch ein Baby und ich musste mich ständig um ihn kümmern. Ihn überall mit hin nehmen. Ihm die Pampers wechseln, ihn füttern usw...
Da unsere Mutter ja sehr schwer krank war seit seiner Geburt.
Sie konnte es einfach nicht mehr und war auch oft Wochenlang im Krankenhaus.
Ich bin dadurch suuuuper selbsständig und erwachsen geworden. Es hat mir nicht geschadet.
Naja, worauf ich eigendlich hinaus will ist, kennt ihr Helikoptereltern?
Sicher schonmal gehört, oder?! Für die jenigen, die sie nicht kennen, eine kurze Erklärung.
Helikoptereltern, kreisen ständig über ihrem Kind.
Sie lassen es niemals aus den Augen. Sie lassen ihr Kind nichts alleine machen oder ausprobieren.
Helikoptereltern packen ihre Kinder in kleine bauschige rosa Wattebällchen.
(Für die, die blau lieber mögen, können anstelle von rosa auch blau einsetzen.)
Stellen wir uns folgende Situation vor:
Familie XY geht mit dem kleinen Paul auf den Spielplatz.
Paul wird mit einer Decke in den Sandkastenen gesetzt.
Keine 2 Minuten im Sand, steht Paul von der Decke auf, und kostet etwas Sand.
Die Mutter bekommt schon einen halben Herzinfakt als sie das sieht und wischt ihm sofort den Mund aus und sagt: Bah!
Ohne ihm zu erklären, dass dies Sand ist, und ihm zeigt, was man mit Sand alles machen kann.
Einfach nur ein 'bah' und das wars dann.
Wieder ein paar Minuten später, steht Paul auf und läuft zur Rutsche.
'Nein Paul, du kannst noch nicht die Leiter hoch gehen, du bist noch zu klein!'
Sagen wir mal, Paul ist so 18 Monate?!
Woher will Frau XY denn wissen, dass Paul es nicht kann, wenn er es nich versuchen darf?
Paul macht es in einer unbemerkten kurzen Minute dennoch.
Die Mutter sieht ihn auf der 2. Stufe stehen und ruft während dem panischen Aufstehen:'Du fällst gleich Paul, achtung'
Schwups, rutscht Paul (natürlich) auf der Stufe aus. Er weint.
Es dauert keine 2 Sekunden und Mama ist bei ihm. Nimmt ihn auf den Arm und tröstet ihn.
Nun sitzt Paul wieder seelenruhig auf seine Decke und spielt mit den Förmchen.
Aber nicht lange! Er steht auf und läuft in richtung Wiese, wo ein kleiner Brunnen ist.
'Paul, nicht so weit weg laufen, bleib hier.'
Der Papa springt auf, rennt die ca 3 Meter zu Paul, nimmt ihn auf den Arm und setzt ihn wieder auf die Decke, anstatt ihm wenigstens, den tollen Brunnen zu zeigen, wo er hin wollte.

Hach, Paul hats echt nicht leicht, mit seinen Eltern.
Ihm wird nichts zugetraut, er darf nichts ausprobieren, immer wird er an der kurzen Leine genommen...
Paul mach dies nicht, Paul du kannst das nicht, Paul lass das, Paul komm her ....
Ich bin keine Paulmama! Keine Helikoptermama!
Ich bin eine Julimama. Eine Mama von einem Entdeckerkind.
Mein Kind darf und muss alles ausprobieren, es darf alles sehen, es darf Sand essen, es darf rutschen und es darf auch ruhig eine Meter weg laufen, so lang ich sie immer noch (wenn auch nur klein oder wegen dem leuchtend Pinken Tshirt) im Auge habe.
Findet sie zb eine Coladose und ich sehe sie damit spielen, reis ich sie ihr nicht sofort aus der Hand und mecker 'nein! Das ist Bah'.
Ich frag sie, ob sie es mir zeigen will und wir begutachten die Dose genaustens und ich erkläre ihr was das ist. Sollte sie schwarfe Ecken haben, spielt sie nicht damit, das ist klar.
Wenn sie hinfällt, weint sie nicht sofort los und ich nehme sie auch nicht sofort auf den Arm.
Ich beobachte erstmal ihr Verhalten und lasse sie in Ruhe.
Meistens steht sie auf, sagt 'boing' und spielt weiter.
Juli wird nicht in rosa oder blaue Wattebällchen eingepackt, sie ist das Kind, was die Wattebällchen in klitzekleine Flusen zerreist und in der halben Wohnung verteilt.
Jeder erzieht sein Kind anders und ich staune immer wieder, wie wenige doch ihrem Kind den nötigen Freiraum geben.
Wiiiie oft höre ich, wenn ich mit anderen Muttis auf dem Spielplatz sitze: Juli klettert grad die Rutsche hoch, darf sie das?
Juli läuft ja ganz schön weit weg, hast du keine Angst?
Guck mal, Julietta fällt sicher gleich da runter, hol sie doch lieber da weg.
Nein, tu ich nicht. Ich traue meinem Kind zu, dass es das kann und wenn sie das möchte, dann soll sie es auch ausprobieren.
Juli fällt wirklich oft hin. Hier ein blauer Fleck, da ein Kratzer ...
Meine Güte, das sind Kinder. Lassen wir unsere Kinder doch Kinder sein :)

Zentriert

Kommentare:

  1. ich finde das gut. Scheint dir ja nicht geschadet zu haben so selbststaendig zu sein, im Gegensatz, finde du bist eine wunderbare Mutter.

    Kuesschen, ani.

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  2. Wunder, wunderbar geschrieben!

    Ich bin auch so eine "Tages"mama!

    Ich lasse den kleinen auch alles machen....und bin sogar soweit...das wenn ich merke er ist wibbelig.
    Dann guck ich einfach weg :D

    Wenn er fällt, dann fällt er.
    Und er wird auch wieder aufstehen.
    Aber ich muss ihn nicht die ganze zeit halten und an ihm kleben!

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  3. Gerade am Donnerstag hatte ich diese Diskussion.
    Ich war mit den anderen Müttern aus der Krabbelgruppe essen. Ich werde im November 26, die anderen Mütter sind alle über 30.
    Da haben sich die beiden ältesten Mamas (36 und 38) darüber unterhalten ob sie noch ein Kind kriegen wollen... naja irgendwann hat dann eine Mama zu mir gesagt "Man merkt total dass du so eine junge Mama bist, du nimmst alles so locker" Im ersten Moment war ich perplex, hab mich gefragt ob sie das nun negativ oder positiv meint. Sie hat dann aber gleich hinter her geworfen, dass das keineswegs böse gemeint ist von ihr. Naja es ist einfach so dass ich nicht direkt zu Lasse renne sobald er hingeflogen ist, ich renne nicht zum Arzt nur wenn er einen Schnupfen hat, ich mache mir keine Sorgen wenn er mit seinen 12 Monaten alleine die Treppe hoch und runter tapst. Weil ich ihm einfach vertraue und ich eigentlich weiß dass er das kann! Ich bin diejenige die 24 Std am Tag mit ihm zusammen ist und ich bin diejenige die weiß was er kann und was er nicht kann. Im Streichelzoo stell ich ihn auf dem Boden, wenn er von einer Ziege umgestoßen wird, dann steht er wieder auf. Und auch unser Hund darf ihm durch das Gesicht lecken. Er darf sich dreckig machen und er darf auch mal Erde, Wiese etc essen.
    Naja gestern ist es dann doch passiert. Er wollte mal testen die Treppe vorwärts runter zu gehen. Und ja, er ist 11 Stufen runter gefallen. Und nein, ich war nicht gleich im Krankenhaus mit ihm. Ich denke wir sind Mama's und WIR wissen was unsere Kinder können. Urvertrauen?!

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  4. Hihi Schön geschrieben!! Wie gut kenne ich das!

    Ich lasse meinen Kröti zwar auch nie aus den Augen (zu viel Blödsinn im Kopf *gg*) aber ausprobieren darf er alles. Ich grins mittlerweile nur noch in mich rein, wenn ich Eltern begegne die ihrem 3-jährigen immernoch beim rutschen helfen mit dem Satz 'da bist du noch zu klein!', während mein 2-jähriger das ganz selbstverständlich allein macht. Oder wenn andere wieder meinen, dass das Kind ja viel zu viel darf. Wie sollen sie's denn lernen, wenn sie es nicht ausprobieren dürfen?
    Ihr macht das ganz richtig so, schade das ihr so weit weg wohnt ;-))

    Liebste Grüße,
    Sandra

    Ach so, Sari ist 9 und hin und wieder lass ich sie auch mit Kröti allein draussen für ein paar Minuten. Allerdings bin ich sehr vorsichtig was das Thema ganz allein raus gehen betrifft bei den Großen. Zu zweit dürfen sie überall hin, aber alleine stell ich mich dann doch etwas an :-)

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  5. Es gibt viele Mütter die ihren Kindern gar nichts erlauben und dadruch kannd as Kind sich gar nicht richtig selber entfalten und entwickeln!

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  6. deine einstellung teile ich

    ein wenig vertrauen in das können des eigenen kindes würde vielen nich schaden ^^ manche wären überrascht

    deine indianerjuli hats scheinbar gut getroffen mit euch :>

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  7. PRIMAAAAA!!!
    Ich bin ganz Deiner Meinung....
    Super geschrieben!

    LG Marielle

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  8. Der Begriff "Helikotper-Eltern" ist mir neu.
    Aber sowas kann ich gar nicht ab und so will ich auch niemals sein!

    Und es hat doch noch keinem Kind geschadet, mal Sandkuchen zu essen oder einen Regenwurm zu probieren. Oder sich einzusauen ... das gehört halt alles dazu :)

    Ich kann mich noch an ein Elternpaar erinnern als ich mein FSJ in einer Offenen Ganztagsschule hatte ... die haben ihrem 6-Jährigen Sohnemann verboten, sich dreckig zu machen. Dabei war der Kleine Fußballer durch und durch. Und beim bolzen auf der Wiese wird man halt auch mal dreckig - auch die Jeans.
    Die Eltern haben immer einen Aufstand vom Feinsten gemacht, ging mal gar nicht!

    Da hab ich mich nur gefragt, ob die keine Waschmaschine zu Hause haben oder wo sonst ihr Problem ist :'D

    Solche Kinder wie der kleine "Paul" aus deinem Post tun mir einfach nur Leid! :/
    Die verpassen so viel :/

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  9. sehr sehr guter Post!! hab pipi in den augen (ich bin einfach zu sentimental)
    ich habe mich öfter schon dabei ertappt, dass ich zuviel "aufpasse" und ihm zu viel abnehme und um ihn kreise, damit ihm ja nchts passiert!
    Als ich das bemerkt habe, wurde ich schon lockerer :) Mittlerweile gehts supi und er darf auch Entdecken und wenn er dann mal fällt etc. tjo, wenn er Opa ist, hat er das vergessen :D
    supi Tatii

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  10. armer paul...aber passt wie die faust aufs auge :) mein couseng heißt auch paul und der durfte auch nicht viel als klein kind (heute ist meine tante ein bisschen lässiger geworden zum glück )
    zoé tut das was sie tun will und wenn sie fällt,dann fällt sie ! noch bevor sie laufen konnte ist sie bei meiner oma gefallen und hat sich eine platzwunde geschlagen (meiner oma tat es so leid,weil sie 2 sekunden mal nicht geschaut hat ) aber das hätte auch bei uns passieren können ! die narbe vom sturtz hat sie heute noch,aber ich liebe diese kleine narbe unter ihrem auge...denn sie ist nur 1 tag später aufgestanden und hat ihre ersten schritte alleine gemacht ! sie konnte nach dem sturz laufen :) alos sage ich mir,dieser sturz musste sein,es hatte einen sinn das es passiert ist.
    blauefelcke und schrammen haben uns als kind auch nicht geschadet :)
    und zum thema sand esses...sagt meine oma immer (habe ich als kind schon von ihr gehört ) dreck reinigt den magen.

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  11. Super Einstellung! Und genau das ist für die Entwicklung der Kinder so so wichtig. Sie sind nunmal von Natur aus neugierig und wollen alles ausprobieren.. immerhin lernen sie durch das eigene Tun am besten. In Sachen Kindererziehung bist du echt ein tolles Vorbild, von dem sich manch eine Mutter noch eine Scheibe abschneiden kann. :)

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  12. Danke für soviel positive Resonanz. Ich freue mich sehr darüber, dass euch der Post und meine Einstellung und Erziehung gefallen.
    Bei so manchen aus unserer Krabbelgruppe, stoße ich damit auf Granit. Die sind auch fast alle über 30 und verstehen mein Denken was dies angeht, so garnicht. Schade!

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  13. Ich finde es toll das du Juli so vertraust und ihr alles erklärst. Ich denke wenn wir unseren Kindern vertrauen dann vertrauen sie sich selber auch mehr :).

    Hier ist auch noch ein Text aus dem Continuum Concept Netzwerk der passt so gut dazu (darf ich den Link hier reinstellen? Wenn nicht dann lösche ihn :))

    http://www.continuum-concept.net/alltag/absichern_zutrauen.html

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  14. Vertrauen ist das stichwort! wie soll ein Kind vertrauen und vor allem selbstvertrauen lernen fürs Leben, wenn nichtmal Mama ihm vertraut!

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  15. Helikopter Eltern sind die schlimmsten. Bei uns auf dem Spielplatz heißen die RatgeberMuttis. Problem an der ganzen Sache ist, sie kümmern sich nicht nur gluckenhaft um ihr eigenes Kind, nein sie weisen dich sogar darauf hin, das dein Kind grade mit noch keinen zwei Jahren das Klettergerüst hochklettert. Ist doch zu gefährlich. Um Gottes Willen. Hätte Mila hier einen "Marc" würde ich die beiden auch zusammen raus schicken. Es ist doch wichtig, das die Kinder lernen was geht und was nicht geht. Wie sonst hätte sie lernen sollen was sie bis jetzt kann. Schwiegermütter sind auch so Helikopter. Meine ist ganz toll. Mila hüpft auf dem großen Bett. Sie: Komm da runter, du fällst sonst. Sobald sie das "fällst sonst" ausgesprochen hatte verliert Mila die Kontrolle, als würde man ihr sagen: LOS FALL! Was passiert, sie fällt. Schwiegermutter guckt mich entgeistert an: Wieso lässt du sie auf dem Bett hüpfen. Ich: Das macht sie immer. Sie ist bis jetzt einmal runter gefallen weil sie so lachen musste, aber sie stand wieder auf, kletterte hoch und weiter gings. Seit ein paar Tagen also hat die kleine Dame einen riesen Respekt vor dem großen Mama Papa Bett. Als denke sie: Scheiße wenn ich wieder hüpfe MUSS ich ja runter fallen. Schrecklich. Eltern verbreiten mehr Panik bei sowas als nötig. Ich bin ganz auf deiner Seite, liebe Tati! :)

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  16. Hah, da fällt mir grade auf es gibt auch das genaue Gegenteil. Die Bankmuttis. Die, die sich keinen cm bewegen. Sitzen an ihrem Kaffeebecher und tun Null. Kind rennt mit Glassplittern in der Hand über den Spielplatz, sammelt Kippenstummel ein und Bankmutti tratscht und sitzt da. Hatten wir vor geraumer Zeit bei uns auf dem Spielplatz. Als der drei Jährige Knirps mit Bierpulle ( halb voll) und Kippenstummel zu mir kam, fragte ich ihn wo seine Mama sei. Er: Weiß nicht. Ich: Darfst du damit spielen? Er: Ja. So gehts eben auch. Ich glaube, das was wir haben ist die gesunde Mitte. Helikopter Eltern und Bankeltern. Beide doof. Sandkasten Mutti die Kuchen mitprobiert= sehr gut. :)

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  17. Bankmutti xD Oh nein, oh nein. Grausam!!! >.< Urgh!
    So welche kenn ich zum Glück noch nicht. Nur so in der Art, aber nich so extrem xD

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  18. Mit Erziehung kennst du dich aus,deine Tochter kann sich glücklich schätzen
    Super Text :)

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  19. Wirklich schöner Text!
    Sollte ich später einmal Kinder haben, möchte ich sie genauso erziehen wie du Juli erziehst. :)

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